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Wertvolle Steine
Eine Zierde sind die großen Tafeln
an den Straßen, die die Richtungen zu Dörfern und Städten weisen
und die Entfernungen dahin angeben, gerade nicht, aber für die
ihr Ziel Suchenden unverzichtbar. Der Schnelligkeit des heutigen
Verkehrs würden Wegweiser in der Größe, Gestaltung und
Häufigkeit der Aufstellung früherer Zeiten aber nicht genügen.
Nicht verwunderlich, dass unsere Augen noch vorhandene selten
erfassen. Zu Unrecht, verdienen sie es doch unbedingt, unsere
Aufmerksamkeit zu erfahren.
In der „Oberlausitzer
Heimatzeitung“ Nr. 11 des Jahres 1920 wurde unter der
Überschrift „Auch ein Jubiläum“ berichtet: „Am 29. Januar 1820
erschien eine Landesverordnung, nach der für das sächsische
Gebiet die Anbringung von Wegweisern und Ortstafeln befohlen
wurde.
Am Eingang jedes Ortes, und zwar
am ersten Hause am Hauptweg, sollte eine Tafel angebracht
werden, die den Namen der Ortschaft den Reisenden zur Kenntnis
bringen sollte. An allen Kreuzungen, oder wo sonst Land-, Post-
und Handelsstraßen, auch Orts-, Dorf- und Nachbarwege sich
voneinander trennen, sollten Armsäulen (Säulen mit Richtungen
weisenden Armen) und Wegweiser aufgestellt werden. Hundert Jahre
vorher wurden in den Städten die Post- und Meilensäulen
errichtet, die heute noch, zum Teil als Ortschmuck, in den
verschiedenen Städten stehen.“
In Hochkirch steht ein solcher
Wegweiser aus der Zeit um 1800 aus einem Granitquader mit
abgeschrägten Ecken, 150 cm hoch, mit einem grünen Streifen um
den weißen spitzen Kopf. Die Beschriftung auf der Ostseite
benennt den Standort Hochkirch und der Richtungspfeil weist nach
dem 2,2 km entfernten Sornßig. An dieser Straßeneinmündung hat
dieser historische Wegweiser, der auf der Denkmalliste steht,
als Ecksäule eines Zaunes Verwendung gefunden. Solche Sachzeugen
der Verkehrsgeschichte finden wir glücklicherweise in unserer
Gemeinde neben einem weiteren in Hochkirch auch in Zschorna,
Jauernick, Kohlwesa, Kuppritz, Neukuppritz, Sornßig, Steindörfel,
Lehn, Meschwitz, Pommritz und Rodewitz, in Wawitz ist er seit
1994 bedauerlicherweise verschwunden.
Ihre Anzahl
ist seit dem Anfang des 20. Jh. leider generell zurückgegangen.
Mit der Motorisierung setzte ihre Gefährdung ein. In der
Zeitschrift „Über Berg und Tal“ wird dies beklagt: „Leider sind
diese (Steinsäulen) zum größten Teil verfallen und kaum noch
leserlich.“ Beim Straßenausbau wurden sie als unnütze
Hindernisse beseitigt, am Kriegsende vom Volkssturm ihre
Inschriften unkenntlich gemacht, umgerissen oder vergraben.
Rücksichtsloser Umgang mit Kulturgut hat vieles aus Unkenntnis
oder Gleichgültigkeit zerstört.
Wenn man
bedenkt, dass in unserer Gemeinde nur ein geringer Teil dieser
Kleindenkmale erhalten oder erhaltungsfähig war, überrascht und
erfreut es aufmerksame Beobachter, dass solche Steinsäulen,
unterschiedlich gestaltet in Höhe, Form, Querschnitt, Schriftart
und Pfeilform, standsicher, aufrecht, sauber, in frischen Farben
und mit klaren Schriftzügen als Kleinode wieder ihren Platz
behaupten. Diese fachgerechte Restaurierung der 20 verschiedenen
Ausführungen von schlicht bis kunstvoll war eine dem Verfall und
dem Verschwinden Einhalt gebietende Aufgabe geworden, die in
Absprache mit dem Amt für Denkmalpflege in unserer Gemeinde in
einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) geleistet wurde. Eine
solche Arbeit verlangt Ortskenntnis, Geschichtskenntnisse und
vor allem Begeisterung für die Sache. Das erfreuliche Ergebnis
zeigt, dass diese Arbeit in die richtigen Hände genommen worden
war. Zwei Frauen, Helga Biehle aus Rodewitz und Kathrin Mittasch
aus Hochkirch hatten aus dem inneren Bedürfnis, Schönes und
Wertvolles zu retten, diese Maßnahme angeregt und vorgeschlagen.
Die notwendigen organisatorischen Arbeiten bei der Begleitung
dieser Maßnahme hat der Kulturhistorische Verein Hochkirch
geleistet. Fachliche Anregungen und Anleitungen erhielten die
beiden Frauen durch einen Restaurator der Denkmalpflege, Herrn
Heinz Rentsch, Malermeister aus Doberschütz bei Neschwitz. Sie
aber haben gesucht, gefunden, fotografiert, dokumentiert,
gereinigt, bemalt, beschriftet, wieder fotografiert und
dokumentiert. Allein die Mittel für die Prozedur der Säuberung
von Schmutz, Moos und Farbresten lesen sich in den
Aufzeichnungen von Frau Biehle wie eine geheimnisvoll anmutende
Mixtur aus alten Rezepturen, überlieferten Tricks und modernen
chemischen Verfahren. Und die Wiederherstellung der Inschriften
war ein komplizierter Prozess, Einfühlungsvermögen und Geschick
erfordernd: Erfassen der Fragmente, Erkunden ihrer Bedeutung,
Prüfen der Richtigkeit der Ergänzungen bis zum Umsetzen in das
Schriftbild – wieder lesbar für Generationen, mit großer
Kunstfertigkeit aufgebracht von Frau Mittasch in diesem wohl
wichtigsten Teil der mühevollen Arbeit.
Die
Beschriftung von nicht mehr vorhandenen Holztafeln, wie an der
Säule in Kuppritz, wurde auf den Stein übertragen. An anderen
Säulen künden nur noch Vertiefungen oder Reste von
Eisenverankerungen für hölzerne Arme, dass solche einstmals den
Weg wiesen, wie in Kohlwesa, errichtet nach einer Anordnung
August des Starken vom 29.04. 1702.
Im
Czornebohgebiet bekommen aufmerksame Wanderer seit einigen
Jahren wieder von durch eine ABM-Gruppe der Forstwirtschaft
restaurierten Wegweisern aus Granit mit sogenannten „Spiegeln“,
den Schriftfeldern, auf denen „Streitbuschweg“, „Löbauer Weg“,
„Unterer Ziegelbergweg“, „Oberer Ziegelbergweg“ oder
„Mittelbuschweg“ steht, den Weg gewiesen. Ich hatte ihre
Wiederbelebung mit Freude bemerkt.
Im gleichen
Waldgebiet, aber weniger auffällig als die Wegweiser, stehen in
heute unregelmäßigen Abständen niedrige schlicht behauene
Granitquader mit einem auf der Vorderseite eingemeißelten B und
einer Zahl (laufende Nummern). Über deren Bedeutung noch in
Unkenntnis, erfuhr ich, dass es sich um Grenzsteine des
Bautzener Stadtwaldes handelt.
Grenzsteine
mit Jahreszahlen, deren Aufstellung eine ortsgeschichtliche
Zuordnung und Deutung ermöglichen, finden sich am Weg zum Robert
- Walde - Denkmal bei Wuischke, am alten Weg zum Parkplatz bei
Wuischke, an der Waldkreuzung im Schimmelbusch bei Meschwitz
oder südlich der Czornebohbaude (1564 m). Ohne Kenntnis der
Ereignisse bleiben sie anonym, oder man hinterfragt die
Jahreszahl.
Anrührender
sind da die Gedenksteine wie der auf dem Schafberg bei Jauernick
mit dem Wappen der ehemaligen Jauernicker Herrschaft, die hier
den zwei im 1. Weltkrieg gefallenen Söhnen diesen Denkstein
setzte, weil diese als Kinder oft hier oben spielten.
Der granitene
Stein am Bahndamm zwischen Kuppritz und Kohlwesa ist ein
Gedenken an die Opfer der Schlacht bei Hochkirch 1758, ebenso
der Grabstein im Kiefernbusch bei Rodewitz mit der gleichen
Jahreszahl.
Der ebenfalls
im Rodewitzer Kiefernbusch stehende Gedenkstein lässt den die
Inschrift Lesenden noch heute erschauern, obwohl das Geschehen
weit zurückliegt: „Denkstein grauenvoller /That/ Am Charfreitag/
Nachmittags 1886/ wurde hier auf dem Heimwege/ aus dem
Gottesdienst/ Maria Therese/ Farach/ aus Lauske/ 13 Jahre alt/
in entsetzlicher Weise ermordet!“
„Die Thoren
sprechen in/ ihren Herzen/ Es ist kein Gott/ Sie taugen nichts/
und sind ein Greuel/ in ihren Wesen/ Psalm/ 4.1“
Der am Weg
von Hochkirch nach Kuppritz gestandene aber leider verschwundene
und nicht mehr auffindbare Gedenkstein mit Kreuz und Inschrift
erinnerte an den hier am 12. Juni 1876 vom Blitzschlag tödlich
getroffenen 56-jährigen Andreas Bodling aus Hochkirch. Ebenfalls
vom Blitz getroffen wurde das Mädchen Martha Helene Blasius, an
deren Schicksal (15. Juli 1901) der Stein an der Straße zwischen
Hochkirch und Pommritz erinnerte, der jetzt geschützt im Garten
Schulstraße 4 steht.
Andere in der
Denkmalliste enthaltene Denksteine erinnern an Ereignisse: auf
dem Dorfplatz in der Dorfmitte von Meschwitz an die Lutherfeier
1883, in Hochkirch der Lutherstein gegenüber der Gaststätte
„Alter Fritz“, im Schimmelbusch bei Meschwitz an den Rückkauf
des Waldes 1927, im Wald über Neuwuischke und bei Neuwuischke an
der Straßengabelung an die Ermordung russischer und polnischer
Bürger im Frühjahr 1945, im Stadtwald oberhalb von Wuischke an
die schon zu seinen Lebzeiten damit erfolgte Würdigung der
Leistungen des Oberförsters Robert Walde. Die Aufzählung ließe
sich fortsetzen.
Geheimnisumwittert sind die kaum noch erkennbaren Zeichen auf
aus Stein geschlagenen Kreuzen wie im Schlosspark Jauernick oder
an der Straße nach Zschorna in Kohlwesa. Sie sind noch nicht
erforscht und von Sagen umrankt. Solche geschützten
Bodendenkmale erinnern an eine mittelalterliche Bluttat. „Im
Mittelalter konnte ein Tötungsdelikt durch den Täter gegenüber
den Angehörigen des Opfers mit einem Vertrag (Dokument mit
Auflagen, z.B. Errichtung eines Sühnekreuzes, d.R.) gesühnt
werden.“ (Eberhard Schmitt)
Über die
ABM-Tätigkeit hinaus hat Frau Biehle bei der Neuerfassung
erhaltungsfähiger Exemplare sächsischer Denkmale in
Standortlisten wertvolle Arbeit für die Gemeinde und die
Denkmalschutzbehörde beim Landratsamt geleistet. Aus
persönlichem Antrieb hielt sie entschwindendes Wissen fest,
sprach darüber mit alten Leuten, studierte Urkunden z.B. der
Kirchgemeinde, korrespondierte mit Fachleuten und
Forschungsgruppen des Kreises und des Landes Sachsen, nutzte
Archive und Pressematerial.
In diesen
Dokumenten aus ihrer Mappe schwer wie ein gewichtiger Stein, aus
der ich dankbar für diesen Aufsatz profitierte, sind
selbstverständlich auch die vielen bedeutsamen und wertvollen
Kunstdenkmale für wichtige Persönlichkeiten und große Ereignisse
der Geschichte, über die Hochkirch in reichem Maße verfügt,
enthalten. Hier aber sollten die ins Licht gestellt werden, die
noch etwas im Schatten jener standen. Ein kurzes Aufleuchten
konnte es nur werden. Sie aber wollen ja diesen oder jenen
dieser Steine selbst noch genauer in Augenschein nehmen.
Als
„Einheimische“ könnten Sie bei der Fahrt auf der B6 von
Hochkirch nach Steindörfel das ohnehin hinlänglich bekannte
Ortsschild mal nicht lesen, ihr Tempo verringern und den wenige
Meter vor diesem an einem Feldweg einige Meter von der Straße
entfernt stehenden Postmeilenstein in ihren Blick nehmen. Die im
Dezember 2003 erfolgte straßenferne Wiederaufstellung des 2002
durch einen Autoaufprall zertrümmerten Steines dient seinem
Schutz. Dieses von dem Bautzener Bildhauer Uwe Konjen kompetent
wiederhergestellte nur noch selten vorhandene Objekt von 1859,
damals aus Sandstein gefertigt vom Dresdener Steinmetzen
Uhlmann, geschmückt mit der sächsischen Krone aus Gusseisen, die
nächsten großen Orte Hochkirch, Löbau und westwärts Bautzen
ankündigend, - in unserer Landschaft eine Zierde.
Christa Ladusch
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Gedanken und Fakten zum
„Gewerbegebiet Hochkirch“
Nein, keine Sorge, es geht nicht um
geplante und erschlossene oder um projektierte und nie zur
Vollendung gebrachte Gewerbegebiete. Diese Probleme kennen wir
zur Genüge aus den Medien.
Wir laden Sie
vielmehr ein zu einem Spaziergang in das Hochkirch der zwanziger
und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Fast kein Hof oder
Haus, wo nicht Handwerker, Kaufleute und Gastwirte tagaus tagein
ihren Lebensunterhalt verdienten und damit den Einwohnern des
Ortes für die damalige Zeit relativ günstige Bedingungen
anboten, sich ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse zu
befriedigen.
Wirtshäuser,
Werkstätten, Läden waren Mittelpunkte des öffentlichen Lebens,
hier wurde über große und kleine Politik gesprochen, wurden
Geschäfte ausgehandelt, die Entwicklung des Dorfes vorbestimmt
und die Neuigkeiten ausgetauscht.
Handwerker und
Kaufleute waren neben Bürgermeister, Pfarrer und Schuldirektor
die wichtigsten Personen des Dorfes. Auf sie hörte man, ihnen
vertraute man sich an, sie wählte man.
Bautzner
Tageblatt – 15. November 1921:
Hochkirch. „Für
die am 4. Dezember stattfindende Gemeinderatswahl einigte man
sich hier auf eine geschlossene Liste. Es wurden folgende Herren
aufgestellt: Gutsbesitzer Johann Rede, Wirtschaftsbesitzer
August Katzer, Schneidermeister Emil Engelmann,
Stellmachermeister Johann Husack, Topfwarenhändler Paul Müller,
Lehrer Paul Dominick und Dachdecker Robert Matthes, ...“
Wussten Sie
z.B., dass es in der Zeit um 1930 in Hochkirch 3 Bäckereien, 3
Fleischereien, 10 Gaststätten oder Ausschankmöglichkeiten, 2
Schuhmachereien, 3 Tischlereien und 2 Schneidereien gab?
Wandern wir
einmal die heutige Karl-Marx-Straße aus Richtung Bautzen
entlang.
Die heutige
Gaststätte Gerichtskretscham war damals ebenfalls Gaststätte
gleichen Namens und Fleischerei, sie war von Paul Kliem
verpachtet. Gegenüber befand sich der Topfwarenladen Paul
Müller. Topp-Müller ist heute Wohnhaus der Familie Koch. Auf
dieser linken Seite weiter in Richtung Löbau erinnern wir uns an
die Schuhmacherei Max Donath, heute Wohnhaus seines Sohnes Klaus
mit Familie, an die Fleischerei Karl Donath, jetzt ebenfalls
Wohnhaus, und an die Fleischerei mit Ausschank von Johann
Israel, heute Fleischerei Thomas Hennersdorf. Danach folgten die
Bildhauerei Schmidt, die Stellmacherei Paul Fiebiger, die
Schlosserei mit Eisenwarenhandel Emil Höhne, die Bäckerei Alfred
Brendel und das Konzert- und Ballhaus mit Lebensmittelhandel des
August Stange. Gehen wir von hieraus nochmals zurück in Richtung
Gaststätte Gerichtskretscham, dann befand sich im jetzigen neuen
Bürogebäude der Firma Hochkirch-Bau GmbH die Uhrmacher- und
Fahrradhandelfirma Andreas Mros.
Bautzner
Tageblatt – 27. März 1926:
Hochkirch. „Der
Fahrradhändler und Uhrmachermeister Andreas Mros ließ durch die
deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft „Dapolin“ vor
seinem Grundstück einen Benzintank aufstellen, was die
Kraftfahrer in die Lage versetzt, auch in unserem Orte ihre
Betriebsvorräte frisch aufzufüllen. Der 2800 Liter fassende
Kessel wurde 2 ½ Meter tief in die Erde gelegt, und mußten auch
hierbei einige Sprengungen vorgenommen werden, da man beim Bau
der Grube auf Granitfelsen stieß...“
Weiter befand
sich dann am Weg nach Wuischke der Malermeister Reinhold
Kutschke, heute Wohnhaus der Familie Huml, im späteren Konsum
die Riemerei, Sattlerei und der Lederwarenhandel von Paul
Schneider und anschließend die Tischlerei Paul Lubansky.

Tischlerei
Paul Lubansky, 1954 fotografiert, Original beim Sorbisches
Institut Bautzen
Besuchen wir
noch die alt-ehrwürdige Blutgasse mit ihren ehemaligen
Geschäften.
Die heutige
Gaststätte „Alter Fritz“ war in früherer Zeit das
Kolonialwarengeschäft mit Gaststätte von Richard Dietrich,
später das von Paul Stange. Das Fachwerkhaus an der Ecke zum
heutigen August-Bebel-Platz, heute Wohnhaus Siegel geworden,
beherbergte das Friseurgeschäft mit Ausschank von Otto Siegel.
Bautzner
Tageblatt – 18. Juni 1927:
Hochkirch.
„‚Machen ses nur gnädig mit mir!’ Mit diesem im freundlichen Ton
vorgebrachten Appell wandte sich der hier wohnende Frisör und
Hausbesitzer Siegel an die Milde des Gerichtes, als er sich
wegen Übertretung der Bestimmungen über die Sonntagsruhe in
Löbau zu verantworten hatte. Zweimal, und zwar am 3. und 10.
April, waren in dem Siegelschen Geschäft der Gehilfe und der
Lehrling sonntags beschäftigt worden. Zwar versuchte der joviale
alte Meister dem Gericht die Berechtigung zum Sonntagsbedienen
durch einen Zeitungsausschnitt darzutun, doch war ihm dabei ein
Irrtum unterlaufen. Das Bautzner Blatt hatte die geschäftsfreien
Sonntage im Bautzner Bezirk veröffentlicht, die aber für das zur
Amtshauptmannschaft Löbau gehörige Hochkirch nicht in Frage
kommen. Es verblieb bei der ausgeworfenen Geldstrafe von 20
Mark.“
Weitergehend
kommen wir vorbei an der Gaststätte mit Kolonialwarenhandlung
von Otto Keck, dem Friseur Gerhard Melzak, später Werner Bochnig,
heute Wohnhaus der Familien Jurk/ Schaffrath, dem
Kolonialwarenhandel Johann Zwahr, der Bäckerei mit Ausschank von
Gustav Bertold, später Bäckermeister Domschke und Wetzke, heute
Wohnhaus der Familie Seeliger, bis zur Grünwarenhandlung von
Gustav Streich, später Lebensmittelhandel Helmut Streich.
Bautzner
Tageblatt – 25. Mai 1926:
Hochkirch.
„Einem dringenden Bedürfnis ist Rechnung getragen worden, indem
Herr Gustav Streich in seinem Grundstück eine Grünwaren- und
Feinkosthandlung eingerichtet hat. Von der Bevölkerung
Hochkirchs und der Nachbarorte dürfte dies freudigst begrüßt
werden...“
Auf der
Schulstrasse/ Blutgasse zurückgehend, werden sich noch einige an
das Dachdeckergeschäft Gustav Proft im jetzigen Vereinshaus des
Kulturhistorischen Vereins „Alter Fritz“ Hochkirch/ Bukeèy
e.V. erinnern, im jetzigen Wohnhaus der Familie Seiler befand
sich zur damaligen Zeit die Klempnerei Martsch.
Gegenüber dem Hotel und der Gaststätte „
Zur Post“, in dem kleinen Häuschen auf
der Ecke wohnte Julius Pohle und handelte mit Schreibwaren,
Spielzeug, Drogerieartikeln, Süßwaren usw. Noch heute kennen
viele den Spruch: „Pohle Julius an der
Ecke handelt och mit jedem Drecke“.
Damit geht unser heutiger Spaziergang,
gleichzusetzen mit einer Zeitreise zurück in die Jahre 1920 –
1930, zu Ende. Mehr Informationen gibt es auf einer Schautafel
im Vereinsmuseum des Kulturhistorischen Vereins „Alter
Fritz”. In einer der nächsten Kulturnachrichten setzen wir
unseren Spaziergang fort und begeben uns dann auch in die
heutigen Ortsteile.
Wir freuen uns über weitere Hinweise, Anekdoten
usw. zum früheren Handwerkerleben. Aufgrund des begrenzten
verfügbaren Platzes ist es leider nicht möglich, das Thema
allumfassend zu behandeln. Vielmehr sollten Erinnerungen geweckt
und der jüngeren Generation Informationen vermittelt werden über
Händler, Handwerker und Gastwirte aus einer für uns weit
zurückliegenden Zeit.
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Im
Dezember begaben wir uns auf eine Wanderung oder auch
Zeitreise in das „Hochkircher Gewerbegebiet“ der
zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Heute
setzen wir unseren Spaziergang fort und treffen uns an
der Kreuzung Schulstraße/ Diesterwegstraße/ Kuppritzer
Weg. Wer sich vor der anstrengenden Wanderung noch etwas
stärken möchte, sollte entweder in der „Felsengrotte“
von Bruno Patsch, gleichzeitig Klempnermeister, später
Wohnhaus der Familie Noa oder in der Stellmacherei und
Gärtnerei mit Ausschank von Paul Mutscher einkehren.
Linkerseits auf dem Weg nach Kuppritz befand sich das
Ofensetzergeschäft mit Keramikhandel von Albert Gnauck,
später von Ofensetzer Johannes Bartke, dem Sohn der
Ehefrau von Albert Gnauck. Weiter in Richtung Pommritz
arbeitete im Haus hinter der Gärtnerei Mutscher Karl
Hoferichter als Böttchermeister. Gegenüber, später
Wohnhaus der Familie Wagner, stellte „Latschen-Lehmann“
Holzpantoffeln her. Wenn wir jetzt weitergehen würden,
könnten wir am Ortseingang nach Pommritz Pflanzen,
Blumen usw. in der Gärtnerei Wilhelm Draht erwerben.
Wir
begeben uns aber auf der jetzigen Diesterwegstraße ins
sogenannte Unterdorf in Hochkirch, besichtigen die
Seilerei Ernst Ruschke, heute Wohnhaus der Familie
Kunze, und kommen anschließend ins Baugeschäft Johann
Brade und Söhne, jetzt Wohnhäuser der Familien Mitschke.
Von der Diesterwegstraße abbiegend auf die
August-Bach-Straße, besuchen wir den Stuhlbauer Ernst
Rentsch, der außerdem noch Verwalter einer Zahlstelle
der Volksbank AG und der Ortskrankenkasse war.
Bautzner Tageblatt – 2. November 1925
Hochkirch. Um den Verkehr mit der Landbevölkerung
günstiger zu gestalten, hat die wendische Volksbank AG,
die ihren Stammsitz in Bautzen hat, vor kurzem in
unserem Orte eine Zahlstelle errichtet. Sie befindet
sich im Haus der Ortskrankenkasse im Unterdorf und wird
verwaltet von Herrn Stuhlbauer Ernst Rentsch.
Von
hier aus gehen wir weiter auf den jetzigen
Clara-Zetkin-Weg, schmalen Weg zwischen Grundstück Krone
und Lehmann (im Volksmund Hindenburg- Lehmann), später
Kolpe, und könnten Fisch und Öl bei Robert Matthes,
heute Wohnhaus Familie Fritzsche, einkaufen.
Weiterwandernd auf der Jakob-von-Keith-Straße bis zur
Kreuzung Friedrich-Engels-Straße/ Kirchweg befand sich
der Bauernhof Wujanz, später Nutnischansky, heute
Wohnhäuser. Anna Wujanz besaß eine kleine
Textilhandlung. Auf der Friedrich-Engels-Straße
weitergehend in Richtung Hauptstraße (B6) schauen wir
bei Tischlermeister Ernst Pachert vorbei, jetzt wohnt
hier Familie Kurtze. Eigentlich wäre es jetzt wieder an
der Zeit, etwas zu entspannen, nur einige hundert Meter
in Richtung Steindörfel befindet sich auf der linken
Seite das Gasthaus „Zum goldenen Schlüssel“, fast immer
nur „Schlüssel“ genannt, von Richard Zschiedrich.
Frühere Stammgäste, einige davon leben noch, könnten
viel aus dieser Zeit erzählen.
Kehren wir nach einer Bockwurst und zwei Gläsern Bier
zurück in den Ort, gehen wir bis zur Ortsmitte und die
Kirschallee entlang, können wir gleich an der rechten
Seite bei Schneidermeister Ernst Kutschke einen neuen
Anzug bestellen oder in seinem Kurzwarengeschäft einen
neuen Reißverschluß kaufen. Später war hier das
Gemeindeamt, heute neuer Wohnkomplex. Gegenüber befand
sich die Schmiede Ernst Zehr, später bis in die Neuzeit
Reparaturstützpunkt landwirtschaftlicher Betriebe. Wenn
wir weiter gehen, sehen wir schon Schuhmachermeister
Johann Traugott Mirtschin vor der Haustür stehen (Bild
1). Das Haus gehört heute der Familie Gotter.
Bild 1
Ich
hoffe, dass auch 1920/ 30 ein Verbindungsweg zum
Sornßiger Weg bestand. Diesen würden wir nutzen und im
heutigen Wohnhaus/ Autowerkstatt Hänsel die
Stellmacherei Johann Husack besuchen (Bild 2).
Bild
2
An
der Alten Straße nach Neu-Kuppritz befand sich im
heutigen Wohnhaus der Familie Schoppe das Fahrradhandel-
und Reparaturgeschäft von Martin Mros, an der
Hauptstraße gegenüber die Tischlerei und Plätterei
Mittasch, später wohnten hier Umsiedler, viele Jahre
beherbergte dieses Haus auch die Bücherei, heute
komplett als Wohnhaus genutzt. Gehen wir zurück in
Richtung der heutigen Bäckerei Bläsche, können wir
nochmals verweilen bei Ernst Mauksch in seiner
Ausschankwirtschaft, heute Wohnhaus Familie Vieweg.
Frische Semmeln gab es in der Bäckerei Ernst Kockel.
Bekannt war der Mohnkuchen von Kochel´s.
Auf
dem Weg zum Sportplatz gleich linkerhand betrieb Ernst
Katzer, genannt Schnurrbart-Katzer, eine Geschirr- und
Wagensattlerei, die dann sein Sohn Hans Katzer als
Sattler- und Tapeziermeister weiterführte.
Gehen
wir die sogenannte Bäckergasse, Verbindungsweg Bäckerei
– Blutgasse, entlang, kommen wir noch an der Schneiderei
von Emil Engelmann, heute Wohnhaus Familie Schimmel,
vorbei.
Da
wir nun rein zufällig am Gasthof „Zur Post“ ankommen,
gehen wir doch zum heutigen Abschluß auf ein Stündchen
hinein.
Bautzner Tageblatt – 12. März 1921
Gasthof „Zur Post“
Sonnabend, Sonntag und Montag, den 12., 13. und 14.
März:
Felsenkeller-Bockanstich
ff. Bockwürstchen und Pfannkuchen
Es ladet ergebenst ein Familie Otto Keck.
Genießen wir hier Bockbier, Bockwürstchen und
Pfannkuchen und bereiten uns schon auf eine nächste
Wanderung in unsere Ortsteile vor, auf der Suche nach
Handwerkern, Gewerbetreibenden, Kaufleuten.
Domaš
Sauer |
Quellennachweise:
1.
Vereinsmuseum des Kulturhistorischen Vereins
„Alter Fritz“
Hochkirch/ Bukeèy
e.V.
2. Broschüre „Aus der Geschichte des Dorfes
Hochkirch/ Bukeèy“,
herausgegeben 1997
3. Privataufzeichnungen von Herrn Roland Fiedler, Hochkirch
Vereinsmuseum des
Kulturhistorischen Vereins “Alter Fritz” Hochkirch/ Bukecy e.V.
Broschüre “Aus der Geschichte des Dorfes Hochkirch/
Bukecy”, herausgegeben 1997
Privataufzeichnungen von Herrn Roland Fiedler, Hochkirch
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Wo „Milch und
Honig“ flossen – ohne Reise ins Paradies
Wenn die Hochkircher den Wasserhahn öffnen, kommen zwar nicht
Milch und Honig, aber immerhin Wasser aus dem Kuppritzer Tal.
Die 96 Einwohner, die sich mit 2319 freiwilligen Arbeitsstunden
an dem zweijährigen Bau der Wasserleitung einschließlich
Pumpstation an dem sehr ergiebigen Brunnen und dem
Sammelbehälter neben dem Sportplatz beteiligten (2), haben es
sicher als paradiesisch empfunden, als es aus der Leitung
sprudelte. Auf dem Dorffest zur Einweihung am 5.11. 1955 hat man
bestimmt mit dem kostbaren Nass angestoßen. Noch 1926 hatte ein
Großteil der Hochkircher in einer Abstimmung ein solches Projekt
aus Scheu vor untragbaren finanziellen Belastungen verhindert,
und sie schworen auf die Ergiebigkeit der eigenen Brunnen.
Der Kuppritzer Bach bringt sein Wasser von der Ostflanke der
Czornebohkette durch Lehn und Plotzen nach Kuppritz und
überlässt es erst, mit dem Albrechtsbach vereint, bei Guttau dem
Löbauer Wasser. Die Nutzung seines einstigen Forellenreichtums
war Privileg der Herrschaft. Aber mit den Händen an den quer
gespannten Netzen fangen durften sie Burschen wie Hans Hoffmann,
Sohn des letzten Försters von Kuppritz. Auch einen Karpfenteich
speiste das Wasser von den stattlichen Granithöhen in der weiten
gehölzreichen Quellmulde, die seit langer Zeit besiedelt und
gestaltet ist. An für den Menschen günstiger Stelle stand einst
ein slawischer Weiher, geschützt am Fuße der 50 m höheren
Hochkircher Kuppe. Dieses „Tälchen von unberührter Schönheit und
wohltuender Einsamkeit“ (1) wurde zur Gutssiedlung am Westufer
des Baches. Der Osten wurde zur Zeit der deutschen Kolonisation
vom aufstrebenden Adel zum neuen Herrschafts- und
Ausbeutungsgebiet, in dem die Herrenschicht deutsch und die
Klasse der Dienenden sorbisch war. Der Ritter Otto de Koperic
erkor dieses erträgliche und ertragreiche Fleckchen Erde zu
seinem Sitz und beanspruchte den größten
und besten Teil der Ortsflur. „Der Herrenhof zu Koperic
wird 1222 erstmals erwähnt. Offenbar wurden auch die Bauern von
Bukewicz/ Hochkirch bald
genötigt, den Herren von Koperic Dienste zu leisten und Abgaben
zu entrichten.“ (1) Bei weniger Ergiebigkeit der Fluren entstand
in Hochkirch kein Rittergut oder Schloss. Dagegen brachte das
Rittergeschlecht derer von Kopperitz in der weiteren Umgebung
viele Güter an sich, verließ aber selbst 1356 Kuppritz und
existierte noch lange im neubesiedelten deutschen Oberland.
Kurzzeitig folgende Wechsel
der Eigentümer bekunden wirtschaftliche Instabilität. Bauern
kamen dabei nicht auf. Im 18.Jh. zählte man in Kuppritz 9
„Gärtner“ (Wirtschaftsbesitzer) und 17 Häusler (ohne Boden). Nur
der Müller, der Schankwirt und der Schmied waren frondienstfrei.
(4) Rebellische Vertreter dieser Vorfahren erregten 1726 einen
Aufruhr, der aber keine Besserung für sie bewirkte, nur mehr
Demütigung, Arbeit und Strafe. Nach dem Ende der feudalen
Herrschaft 1830 mußte sogar die erreichte Befreiung aus dem
Untertanenverhältnis abgezahlt werden. Sie wurden freie Bürger.
Die Neuregulierung der gesamten Acker- und Weidewirtschaft, der
Forst- und Wegenutzung, die bis zum Hromadnik reichte, war ein
Weg zu neuen Horizonten.
Es kamen aber immer wieder
neue Mächte, die das Land aussaugten und zügellos verwüsteten.
1758, 1813 – der Nährstand musste immer wieder geben.
Meine Phantasie hilft mir.
Sie lässt das Herrenhaus in der weitgehend erhaltenen Anlage mit
Hofeinfahrt, Hofmauer, weitem Vorplatz und weiträumig angelegten
Wirtschaftsgebäuden unverstellt erscheinen. Neuzeitliche
Veränderungen und notwendige Modernisierungen versinken. Der
offene rundbogig gestaltete Dachausbau mit der Hofglocke nebst
Schlaghammer oben in der Bogennische, darunter das Zifferblatt
mit römischen Symbolen vor dem stillstehenden Uhrwerk, das nicht
mehr die Seilzüge mit Feldsteingewichten über aus Holz
gedrechselten Rollen reguliert, entzückt noch immer den, der
„technische und historische Raritäten“ (4) liebt. Ertönt da etwa
wieder der Stundenschlag? Und die schmückenden Sandsteinvasen
stehen wieder oben?
Was verbirgt sich im Haus?
Ich durchschreite die lange, aber niedrige, mit Steinplatten
ausgelegte Halle, vorbei an vielen Türen, steige die breiten
Treppen mit den aufwendigen hölzernen Geländern mehrere
Stockwerke hinauf. An den Türen die Namen der Familien, die hier
wohnen, daneben Pflanzen und Blumenschmuck. Seit der Enteignung
nach dem Krieg ist das Schloss Wohnhaus. Auch die
Wirtschaftsgebäude wurden teilweise zu Wohnungen oder dienten
landwirtschaftlichen Zwecken für die LPG Typ 1 mit einer
Nutzfläche von 118 ha ab 1960 und 1969 für die
Kooperationsgemeinschaft Hochkirch, Bereich Kuppritz.
Neue Veränderungen machten
vor Kuppritz nicht Halt. Nach der LPG kam die Treuhand, der
Besitzer nach der Gemeinde sanierte das Schloss im Jahr 2000
(Bäder, Heizung, Gas) und verkaufte es einem neuen Besitzer, der
die Vermietung der Wohnungen weiterführt. Die Nachkommen der
Alteigentümer wollten die Zuständigkeit für das Schloss gar
nicht. Aus den Ländereien allein sollten wohl wieder „Milch und
Honig fließen“.
Der ländliche barocke Bau
mit dem eigenartigen Dachausbau und einem Seitenflügel
untersteht der Denkmalpflege. Im Schlussstein des Eingangs steht
die Jahreszahl 1775. Um diese Zeit wurde nicht nur das Objekt
profiliert, sondern auch das Gut erweitert. Eine Zeit des
wirtschaftlichen Erstarkens und der Entfaltung, die zu Beginn
des 19. Jh. ihren Höhepunkt erreichte. „In der Nordfassade des
südlichen Wirtschaftsgebäudes befindet sich eine Granittafel im
Mauerwerk. ‚Erbaut von C. H. Kindt 1829’.“ (4) Der bürgerliche
Kindt kaufte vom sächsischen König ein Adelsdiplom. Als nun
Adeliger hatte er das Recht, Kuppritz zu kaufen und die Quellen
für sich sprudeln zu lassen. Der letzte Gutsherr auf Kuppritz
war Hans von Loeben, der 1945 enteignet wurde und seinen Besitz
verlassen musste.
Bereits 1936 wurde Kuppritz
nach Hochkirch eingemeindet.
Die deutschen Adelsherren
hatten ganz offensichtlich auch eine paradiesische Lage ihrer
Herrensitze zu wählen und schätzen gewusst. In Kuppritz fanden
sie jenes „Tälchen von unberührter Schönheit und wohltuender
Einsamkeit“. (1) Das genügte offenbar aber nicht. „Weit über 150
Gärten und Parks kann die Oberlausitz aufweisen, der größte Teil
von ihnen sind Schloss- und Gutsparks.“ (6) Schlösser und
Herrenhäuser wurden seit dem 19. Jh. zunehmend bewusst zu
Blickpunkten in der Landschaft, „Gärten und Parks ...
Fortsetzung der in den Freiraum der Natur weiterwachsenden
Architektur“. „Parks entstehen aus der Landschaft ... durch
symbolische Überformung ..., nach Intentionen (Absichten) ihrer
Schöpfer“, sind „Produkte der Kunst“. Empfinde ich die Harmonie
in einem Landschaftspark wie Kuppritz, erlebe ich nichts
Zufälliges, sondern Gestaltung – inszenierte Natur. Kuppritz ist
der jüngste Gutspark der Oberlausitz, eine Schöpfung des 20.
Jh., 1937/ 38 angelegt vom damaligen Gutsbesitzer Hans von
Loeben (1898 – 1959) östlich des Kuppritzer Wassers auf der
schmalen Talaue, die durch Aufschüttung ebener und begehbarer
gemacht wurde. Von Loeben war unter anderem Forstingenieur mit
botanischem Interesse. Die Gestaltung der Anlage wurde eine
„geschickte Verknüpfung der vorhandenen natürlichen Bestockung
mit den fremdländischen Neuanpflanzungen“. (6) An der Straße
nach Kohlwesa liegt der Eingang (mit Parkplatz). Man erreicht
zunächst ein Waldstück mit heimischer Laubwaldvegetation, das
bald zum gestalteten Park wird. „An der breitesten Stelle der
Talsohle erstreckt sich eine große Wiese, um welche eine
Vielzahl fremdländischer Laub- und Nadelgehölze gruppiert ist
... und ein Rundweg führt.“ (6) Nur Steinbänke, keine baulichen
Staffagen (Beiwerk), bereichern. Kleine Schildchen werden Ihnen
bei Ihrem Besuch Namen und Herkunftsgebiete mancher Bäume
nennen. Es gibt auch eine Karte des Parks mit exakt allen
Bäumen, die der Garteninspektor Martin Pötschke zeichnete. Das
Kennenlernen der besonderen Gehölze ist verlockend, das noch
Schönere das Erleben gezielt eingesetzter Kontraste wie Licht
und Schatten, wie das des Farbenreichtums der Rhododendren und
Azaleen, des Laubwerks und der Wuchsformen. Zu jeder Jahreszeit
ein Fest für die Augen, für den, der sehen und empfinden kann.
Die einst den Hang zum Schloss schmückenden 1600 Rosenstöcke
blühen aber nur noch bei geschlossenen Augen. Nördlich der
langgestreckten Wiese taucht man wieder in den natürlichen
Laubwald ein.
Diese Umwandlung von Grund
und Boden war Herrenrecht. Diese erhoben damit ihre
Besitzansprüche an die Landschaft und deren Bäume. Bauern
durften keinen Baum fällen und nutzen.
Was Menschenhand ordnete,
muss von Menschenhand erhalten werden, soll die darin wohnende
Idee nicht verloren gehen. Glücklicherweise fanden sich Männer
wie Ewald Krebs, Parkpfleger im Auftrag der Gemeinde nach dem
Krieg, die Hand und Herz, Geschick und Gefühl dem sensiblen
Wesen Park viele Jahre ihres Lebens widmeten. Der
Garteninspektor Pötschke stand beratend zur Seite. Wie er
beherrschte nach ihm Herr Heinz Melde Gartenschere, Sense und
Schaufel. Als ich den heute 74-Jährigen in seiner Wohnung im
Schloss besuche, spüre ich, dass der gelernte Gärtner, der
selbst keinen Garten besaß, dem Park immer Gutes wollte, betont
aber die Mithilfe der Dorfbewohner. Leistungen von nicht nur
momentaner Bedeutung. Erhaltung zur Erbauung und Bildung aller
ist Lobes wert. Darum bemühen sich gegenwärtig Frauen und Männer
der ABM-Gruppe der Gemeinde, in deren Eigentum sich das 1,5 ha
große Parkgelände befindet.
1998 wurde zur Erinnerung
an den Park-Initiator H. v. Loeben im Park ein Gedenkstein
errichtet. Das Parkfest aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des
Parks lockte auch mich zu dem mir noch unbekannten Ort. Ich
bedauerte das bisherige Versäumnis, kam ich doch ohne Reise ins
Paradies. Es war nicht nur ein Fest der Erinnerung, denn wer
einen Baum pflanzt, denkt an die Zukunft. Und auf einem
Wanderweg (Karl-Kneschke-Wanderweg durch den Park von Weißenberg
nach Rachlau nach Bundessekretär des Kulturbundes benannt)
bleibt man nicht stehen. Die Gemeinde Hochkirch bezieht den Park
auch weiterhin in ihre Landschaftsplanung ein.
„Im hinteren Teil des Tals
hat man einen schönen Blick auf die westlich des Kuppritzer
Wassers gelegene alte Ölmühle.“ (6) Am Granitportal sichtbar die
Jahreszahl 1807. Seit 400 Jahren aber schon ist die Mühle
bezeugt, getrieben vom Wasser des Baches. Ein weiteres Kleinod
des Ortes. „Das Wohnhaus Nr. 13 wirkt mit seinem schönen
Fachwerk-Obergeschoss und der verzierten Giebelspitze als guter
bäuerlicher Altbau.“ (1) Unter Müllermeister Jung aus
Reichenbach, der die Mühle 1931 kaufte, erreichte sie als
einzige Ölmühle weit und breit über das Bautzener Land hinaus
großen Ruhm.“ (5) Herr Hans Hoffmann, aus der Familie des
Kuppritzer Försters, erinnert sich, selbst das begehrte Öl von
guter Qualität aus der Mühle geholt zu haben. Leinöl und
Pellkartoffeln gab es in vielen Familien, in manchen noch.
Dem Besucher des 1.
Parkfestes öffnete der damalige Besitzer, Herr Schwitalla, zum
ersten Mal wieder die Mühle, die einst den gesamten
Sechsstädtebund mit Öl versorgte. Der Eindruck von dem
leidenschaftlichen Eifer, mit dem er die Öffnung der Mühle
kurzfristig vorbereitet hatte und die Gäste führte, ist in mir
immer noch lebendig. Zum Mühlengebäude in Funktion gehörten aber
„4 Etagen mit Wohnung, Leinspeicherräumen, Versorgungskammern,
Absackstation, Saatannahme und Ölabgabe, Kontor, Produktions-
und Lagerkeller.“ (5) Im zweiten Wohnhaus gegenüber dem
Hauptgebäude waren das Gesinde und die Pferde untergebracht, die
Böden waren Speicher. „Mit dem Tode des letzten Ölmüllers
Schiebach in den fünfziger Jahren hörte die Lohnarbeit zur
Ölgewinnung auf.“ Die vernagelten Türen blieben 40 Jahre
geschlossen. Nur die Witwe des Müllers Schiebach, Frau
Creutzmann (6), bewohnte noch hochbetagt Räume der Mühle, bevor
sie in ein Heim nach Bischofswerda ging. Fehlt die pflegende
Hand, nagt die Zerstörung am Mauerwerk, und es wird von
unbeherrschtem Bewuchs bedeckt.
1997 kaufte die Familie
Schwitalla aus Großdubrau das gesamte Ensemble, aus Vorliebe für
alte Mühlen und Pferde. Die Auflagen der Denkmalbehörde wurden
als wegweisend akzeptiert. „Anlässlich des 1. Parkfestes legte
Rico Schwitalla einen Steg über das Kuppritzer Wasser und
ermöglichte den Zugang zu dem Ölmühlenraum. Eine kleine
Fotoausstellung zur Ölproduktion ergänzte. Er erklärte
Rührpfannen, Ölpressen, Antriebsaggregate.“ (5) Diese
Einmaligkeit sollte zu festlichen Anlässen wieder gezeigt
werden. Der Familie Schwitalla folgte ein neuer Besitzer, dem
bestätigt wird, dass er viel baut. Das ist gut für die Mühle und
sicher auch gut für an Baudenkmalen interessierte Bürger.
Glücklicherweise entzieht
sich nicht alles unseren Blicken, was wir damals in der Mühle
sehen konnten. „Der heimatgeschichtlich interessierte Nachbar
Alfred Schulze hatte die Räume liebevoll mit Hilfe aller
Kuppritzer mit vielen Dingen des damaligen Alltags vom
Butterfass bis zum Kartoffelkörbchen ausgestattet.“ (5) Meine
Augen feierten ein Wiedersehen, als er mich in seine Scheune
führte, wo eine Fülle dieser häuslichen und landwirtschaftlichen
Geräte von ihm bewahrt, aber nicht verborgen wird. Es ist kein
Museum – fragen Sie bei ihm nach! Im Haus hat er Gewölbe
tragende granitene Pfeiler zu alter Schönheit erweckt. Für
Alfred Schulze gehörten viele dieser Gegenstände, sein Vater war
noch Kutscher der letzten Herrschaft von Kuppritz, noch ganz
selbstverständlich zum Leben. Als Teile unseres Ursprungs
verdienen es all diese Dinge, nicht vergessen zu werden.
Kuppritz. – Ein Spaziergang
ist es nur.
Christa Ladusch
Quellennachweise:
1.
„Hochkirch vor dem Czorneboh“, Heft 12 der Reihe „Das schöne
Bautzener Land“, 1965
2.„Aus der Geschichte des Dorfes
Hochkirch“, 1997, Herausgeber: Kulturhistorischer Verein „Alter
Fritz“ Hochkirch e.V.
3. Heimatbuch „Bautzener Land“,
1959, Redaktion: Theodor Schütze
4. Eberhard Schmidt: „Rittergüter,
Herrenhäuser und Schlösser“, Teil 49
5. Eva-Maria Hassert: „Parkfest in
Kuppritz“, Bautzener Zeitung, 11.6.98
6. „Parkführer durch die
Oberlausitz“ Herausgeber: Ernst Pause, Bautzen 1999
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Einige Familien wandern dorthin, Radfahrer
nehmen dieses Ziel, kein möglicher Stellplatz für ein Auto
bleibt frei – wenn in Sornßig Schlossparkfest ist.
Dann bitten samstags Susann & Michael Bartke und die Baschützer
Blasmusikanten zu Unterhaltung und Tanz. Beim kürzlich schon 4.
boten am Sonntag bei gemeinsamem Kaffeetrinken der Gäste unter
Leitung des Chefdirigenten Dieter Kempe Orchester, Chor und
Solisten des Sorbischen Nationalensembles GmbH wieder ein
beliebtes Serenaden- und Straußkonzert. Mehrere hundert Leute
sitzen dabei dicht an dicht nicht nur auf den auf dem
Konzertplatz aufgestellten Stühlen und Bänken, auch auf den
niedrigen Begrenzungsmauern des Platzes und der Blumenrabatten
und sogar ganz ländlich – idyllisch auf dem Rasen unter den
imposanten Bäumen des Parks. Einige ältere Leute in ihren
Rollstühlen erhalten die günstigsten Standplätze. Flinke junge
Leute bedienen. Ein sommerliches Sonntagsvergnügen mit Niveau,
aber ohne Etikette. Diese Atmosphäre scheint offensichtlich
nicht nur Gäste aus der Gemeinde Hochkirch anzulocken.
Das ehemalige Herrenhaus ist ein bestimmender Teil der Kulisse
des Geschehens. Wie oft wohl tönten in seiner etwa 800-jährigen
Geschichte Klänge vom Berghang ins Tal, sich dort ausbreitend
und verlierend. Einst wohl zuerst „guter Ton“ des hier
ansässigen Adels. Eberhard Schmitt präsentiert in seinem Artikel
„Bodenbeschaffenheit hemmte Entwicklung des Sornßiger Gutes“ in
der Reihe „Rittergüter und Herrenhäuser im Kreis“ eine
beachtliche Anzahl Namen mit dem vorangestellten Wörtchen „von“
als Besitzer.
Die Reihe beginnt 1225 mit dem Ritter Wernerus de Sornzic und
endet mit dem Geheimen Legationsrath Freiherrn Ernst von Salza
und Lichtenau, der am 15.02. 1926 verstarb. Seine Frau und seine
Tochter mit 4 Bediensteten lebten noch bis 1945 von der Rente
und der Pacht, die die Sornßiger Bauern jährlich zahlen mussten.
Von Salzas hatten Schloß Sornßig nur als Sommersitz bewohnt.
Felder und Wald waren verpachtet gewesen. Ein Mädchen der
Baroness war die Frau von Alfred Wagner aus Hochkirch gewesen.
Sein Vater hat in Sornßig gewohnt und einen Schatz gesammelt –
eine Chronik. Alle Herren sollen es übrigens in der doch so
idyllischen Landschaft nicht lange ausgehalten haben. E. Schmitt
meint dazu: „Die Bodenbeschaffenheit der Sornßiger Ortsfluren
ist fast ausschließlich von granitenem Verwitterungsmaterial
gekennzeichnet, das der Entfaltung des Ackerbaus hemmend
gegenüber gestanden hat.“ Das Sornßiger Rittergut wurde nie zu
einem bedeutenden Wirtschaftsgut. Wirtschaftsgebäude fehlen.
Nach häufigem Besitzerwechsel ging Sornßig 1773 nach Konkurs für
7000 Taler an den Bautzener Oberamtsadvokaten Johann Gottlob
Schenk bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, berichtet E.
Schmitt weiter.
Das vermutlich zu Beginn des 19. Jh. entstandene Herrenhaus
wurde 1898 zu einem ansehnlichen Schloß umgebaut, in Anlehnung
an den Stil der Neorenaissance. Freiherr Ernst von Salza und
Lichtenau, Wirklicher Geheimer Rat und königlich sächsischer
Gesandter in Berlin, hat den Umbau vornehmen lassen. Noch nach
dem Kriegsende 1945 wohnten Baronin und Baroness von Salza in
dem Gebäude. Als das Kinderheim einzog, mussten sie es
verlassen. Sie lebten noch etliche Jahre in einem Haus im Dorf,
zogen nach 1950 nach Westdeutschland zu Verwandten. Frau
Elfriede Garten aus Sornßig, 15 Jahre als Lehrerin und
Erzieherin im Heim tätig gewesen, erzählt mir, dass sich Erben
der Salzas nach 1990 gemeldet hatten. Als sie vom Kinderheim
erfuhren, wollten sie, dass das Haus Kinderheim bleibt, wobei
fehlende Finanzen bei diesem hochherzigen Beschluss wohl auch
eine Rolle spielten. Aus vorrangig wirtschaftlichen Gründen,
wegen zu geringer Kapazität, wurde es dennoch geschlossen. Ein
leider nicht einmaliger Vorgang. Die Besitzer aber wollten
verkaufen. Eine interessierte bedeutende Dresdener
Kulturinstitution konnte das Geld für eine solche anspruchsvolle
Wochenendeinrichtung aber nicht aufbringen. Die Treuhand
übernahm.
Steine lagen
den Sornßigern schon immer zuhauf vor den Füßen. Nach der
„Beschreibung der Parochie (= Amtsbezirk eines Geistlichen)
Hochkirch“ von Karl August Kubitz (Pfarrer in Hochkirch 1881 –
1910), Anno (im Jahr) 1903, wird der Name Sornßig abgeleitet von
zernowe = Granit und sykac = behauen. Sornßig „... also ein von
Leuten, die den Granit behauen, ein von Steinarbeitern bewohnter
Ort“. Noch heute findet man im Busch oberhalb des Ortes über 100
Anhäufungen abgespaltener Steine. E. Schmitt meint: „Steinberge
sind vermutlich zur Herstellung von Reibmühlen ungeeignetes
Material...“ Davor war der Ort eine slawische Siedlung. Die
Mühlsteinbrecher sind namenlos geblieben, dagegen teilt Pfarrer
Kubitz mit: „Von diesem Orte finden sich genaue Akten über die
ganze Reihe seiner Besitzer.“ Sornßig gehörte mit weiteren 20
Ortschaften zur Kirchgemeinde Hochkirch und zur
Amtshauptmannschaft Bautzen. „Die Seelenzahl der Parochie
beträgt nach der Volkszählung vom Jahre 1900 3468, unter ihnen
74 % Wenden (wie sie damals genannt wurden) & 26 % Deutsche.“
Über die wirtschaftliche Situation schreibt er: „Industrielle
Unternehmungen gibt es in der Parochie nicht, die Bevölkerung
ist rein Ackerbau treibend. Gegenwärtig gibt es in der Parochie
acht Rittergüter. Hierüber noch die Rathswaldungen der Stadt
Bautzen ..., der Stadt Löbau ..., die Königliche Eisenbahn ...
und die Kaiserliche Post.“ Die Bewohner Sornßigs, zur Parochie
gehörend, blieben vor Leiden nicht verschont: „Jahrhundertelang
hat die Bevölkerung der Kirchgemeinde zunächst in den
fortwährenden Fehden des oberlausitzer Adels, ..., dann durch
den Poenfall der Städte (1547 verlor der Sechsstädtebund alle
Privilegien und Besitzungen an den Kaiser), später in den
Husitenkriegen, weiter durch den Dreißigjährigen und den
Siebenjährigen Krieg unsäglich schwer gelitten.“ Wir kennen die
schlimme Fortsetzung.
Geduldig geduckt haben sich die streitbaren Sornßiger aber
nicht. So stritten sie mit der Obrigkeit um die Hütungen
(Weiden) für ihre Tiere, weiß E. Schmitt im Teil II seines
Artikels „Jahrzehntelanger Streit um das Schloß Sornßig“ zu
berichten. Der Rechtsstreit (1794 – 1806) dauerte danach auch
damals seine Zeit.
Sornßig gehörte schon zu Beginn des 19. Jh. zu einer Art
„Flächengemeinde“. Die Rittergüter Pommritz, Kuppritz, Rodewitz
und die Landeshauptmannschaft Budissin waren die Obrigkeiten,
mit denen es Streitigkeiten um Waldbesitz gab. Die Bezeichnung
Kuppritzer Berg für den Sornßiger Berg nennt E. Schmitt als
Indiz dafür. Wie die bis 1945 existierenden Förstereien von
Kuppritz und Pommritz. „Letzter Kuppritzer Förster (bis 1945)
war Herr Hoffmann, der 1946 vom Kuppritzer Grundbesitzer von
Loeben vor seiner Auswanderung in den Westen noch einmal besucht
worden ist.“
Er ist ja schließlich nicht „nur“ Förster, sondern auch sein
Diener in Livree und weißen Handschuhen, sein Chauffeur und
Landwirt für seine Familie gewesen, erzählt mir sein Sohn, Herr
Hans Hoffmann. Er erlernte den Beruf Büchsenmacher, sein Bruder
Manfred hat wie der Vater den Beruf Förster gelernt und
ausgeübt. Hans Hoffmann hat acht Jahre, von 1952 bis 1959, wegen
Arbeitsmangel in seinem Beruf als Forstfacharbeiter im
Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Bautzen gearbeitet. Als mit
der Einführung des Jagdgesetzes 1954 neben dem Gebrauch in den
Jagdkommandos bis 1953 wieder Jagdwaffen benutzt und Reparaturen
begannen, wurde er 1959 (bis 1990 im gleichen Betrieb)
wieder Büchsenmacher, wie später sein Sohn Harald, dem er
heute noch in dessen Werkstatt in Bautzen hilft. Über 50 Jahre
im Beruf – wie selbst darüber überrascht stellt er es fest.
Das alte Forsthaus in Sornßig gehörte jenem von Loeben, Herrn
auf Kuppritz. Dazu gehörten viele ha Wald von Neukuppritz bis
Neuwuischke, der Kuppritzer Wald und die ganze Malina. Unterhalb
der Straße in Sornßig gab es 4 Teiche zur Aufzucht von Schleien
und Karpfen. Nach dem Krieg wurde der Forst an Siedler
aufgeteilt. Auch die Eltern Hoffmann erhielten Wald, und
Landwirtschaft gehörte dazu. Später kauften sie das Haus nebenan
mit „Salzas Schonung“, 8 bis 10 ha, für Sommergäste.
Der von Salzasche Besitz war, obwohl unter 100 ha, enteignet und
aufgeteilt worden. Heute kann der Wald von den damaligen
Siedlern von der Treuhand wieder zurückgewonnen werden. Frau
Hildegard Hoffmann, die zeitweise unter der Leitung von Frau
Harnisch im Kinderheim tätig war, überrascht mich mit der
Mitteilung, dass die Konzerte in Sornßig vor dem Forsthaus ihren
Anfang nahmen. Zu ihrer Schwägerin, einer eifrigen
Theatergängerin, kamen Bekannte vom Theater oft zur
Sommerfrische. Kleine Konzerte begannen. Zweimal im Jahr kamen
Künstler aus Bautzen und Gäste aus der Umgebung, für die auch
Kuchen gebacken wurde. Unter der Regie der Gemeinde Plotzen
wurden dann die Konzerte offizieller.
Sornßig, Plotzen, Kohlwesa, Lehn und Jauernick bildeten 1956
eine Großgemeinde, die heute bekanntlich zu Hochkirch gehört.
Als Sornßig noch eine selbständige Gemeinde war, stand ihr als
erster Bürgermeister nach dem 2. Weltkrieg Paul Garten vor.
Nachdem dieser zurück in den Schuldienst gegangen war, erhielt
seine Frau Gertrud diese Aufgabe. Deren Schwiegertochter und ihr
Mann Norbert geben mir gern Auskunft über das Leben im Schloss
nach den „Von´s“. Zunächst blieb es ungenutzt. Umgebaut mit
zweckentsprechenden Veränderungen im Inneren und der
Angliederung des östlich der Fassade vorgelegten Anbaus, wurde
es zuerst Spezialkinderheim der Jugendhilfe der Stadtverwaltung
Bautzen, später, etwa 1950 bis 1990, zum Kinderkurheim
„Pestalozzi“ unter der Rechtsträgerschaft des Rates des Bezirkes
Dresden. Anfangs beherbergte es für je vier Wochen Kinder aus
Berlin. Sie sollten sich sattessen und Luft tanken. Vier
Küchenfrauen aus dem Ort sorgten für vernünftiges Essen zum
Zunehmen der Kinder. Danach nahm man unter der Leitung von Herrn
Gano (Heimleiter um 1956) gestrauchelte Jugendliche auf.
Prophylaktische Kuren waren im Kinderheim möglich geworden. Die
Natur, der Wald, der Park und der Sportplatz boten beste
Bedingungen für körperliche Betätigung. Kinder aus 2. bis 10.
Klassen von überall her erhielten an zwei Wochentagen Unterricht
in Deutsch und Mathematik. Die 5 bis 6 Betreuer für zwei Gruppen
waren ausgebildete Unterstufenlehrer und Pionierleiter. Eine
Krankenschwester und ein Arzt aus Bautzen standen ihnen zur
Seite. Bei den wöchentlichen Aufenthalten in Bautzen pflegte man
vorrangig Kontakte zu sorbischen Einrichtungen. Heimleiter von
1962 – 1990 war Siegfried Vydrell. In den Jahren vor 1987 wurde
im Gebäude viel ausgebaut und erneuert, was bis nach der Wende
in bestem Zustand Bestand hatte. Das Heim aber wurde nicht
übernommen, da es nur über eine Kapazität von 40 bis 50 Plätzen
verfügte. Es blieb zeitweise ungenutzt und befand sich
zwischenzeitlich in Treuhandverwaltung.
Gute Traditionen aber finden Fortsetzer. Dieser schöne Flecken
Erde mit erhaltenswerter Architektur ist glücklicherweise
auserkoren worden zur Begegnungsstätte von Menschen mit Musik.
Der gegründete Schlossförderverein Sornßig e.V. wird sich und
seine Pläne noch vorstellen.
Nach Sornßig
zog es auch
Christa Ladusch |
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Alte
Steine und junges Blut
Mächtige alte Bäume hinter
einer gegen die Strasse abgrenzenden Respekt fordernden
erneuerten Natursteinmauer verweisen auf einen erhaltenen
Herrensitz.
Durch das originale filigran
gearbeitete eiserne Portal, heute wieder ein Schmuckstück,
eilten die Kutschen und sprengten die Reiter den leichten Hügel
hinan auf das reich verzierte hölzerne Portal zu, um aber im
linken Bogen das Gebäude zum hinteren Portal und im angrenzenden
Gebäude Pferdestall und Remise zu erreichen. Die meisten der
Herren auf Wuischke nahmen diesen Weg auch nach Visiten beim
Stadtrat von Bautzen. Zu Bautzen sind wechselvolle, vor allem
kommerzielle Beziehungen seit 1826 zur Mehrung des Besitzes
nachgewiesen.
Eberhard Schmitt schreibt in
der Folge „Rittergüter, Herrenhäuser und Schlösser im Kreis",
Teil 51, am 6.7.1994 in der SZ: „Herr von Salza und Lichtenau
hatte am 6. Oktober 1881 vom Stadtrat zu Bautzen für die Summe
von 50.000 Mark das Rittergut Wuischke bei Hochkirch gekauft".
Ab Juni 1864 war Wuischke in städtischem Besitz gewesen durch
Verkauf durch die Erben des vormaligen Besitzers Johann Gottlieb
Zenker. Der forstwirtschaftliche Teil war bereits nach den
Befreiungskriegen von der Stadt Bautzen gekauft worden, nach
denen großer Bedarf an Bauholz bestand, berichtet Eberhard
Schmitt weiter. Geschäfte mit Erfolgen und Misserfolgen,
Tugenden und Untugenden würden allein Seiten füllen. 1498
begannen durch Sigismund von Randaky Waldverkäufe an Bautzen.
1805 geht der ganze Besitz an Bautzen. Dort liegen die Ursprünge
der Bautzener Ratswaldungen, für deren Betreuung von der Stadt
das Forsthaus in Wuischke errichtet wurde (nach Eberhard
Schmitt). Unerwähnt sollen allerdings nicht die Anfänge von
Wuischke bleiben, das durch die Arbeit kleiner Leute als
Waldrodungssiedlung entstanden sein dürfte. Die Erklärung findet
sich im sorbischen Ortsnamen „Wujezk". Die Lage an der
bedeutenden mittelalterlichen „Zagoststrasse" lässt vermuten,
dass schon so frühzeitig ein kleiner Ritterbesitz entstanden
war.
Aus welcher Zeit aber stammt
das Gutsgebäude? Das schildförmige Ornament auf der Hofseite des
Herrenhauses aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts, mit
entsprechenden Wappenschildern bekrönt, kündet von der Erbauung
unter der Herrschaft der Muschelwitzer. Neben deren Wappen ist
auch das Wappen der von Salza und Lichtenau enthalten. Das
Herrenhaus in betonter Schlichtheit ist in seiner ursprünglichen
Grundform erhalten. Nur die wenigen bekannt gewordenen
Kunstwerke, eine Ahnentafel und ein Fayence-Ofen, sind in den
Wirren des Kriegsendes 1945 verschollen. Der bescheiden
anmutende Glanz des Hauses blätterte schon im 19. Jahrhundert
ab.
Die durch die Aufhebung der
Leibeigenschaft vorgenommene Aufteilung und damit verbundene
Einstellung der Bewirtschaftung wirkte. Der Sinn der Beseitigung
mehrerer vor 1900 existierender Gehöfte, deren Hausnummern 18
bis 23 fehlen und deren Bewohner an die linke Seite der Strasse
nach Hochkirch umsiedelten, wo heute noch Nachfahren leben,
bleibt ungeklärt.
Exzellenz, wie Wilhelm, der
letzte Herr von Salza auf Wuischke, sich nennen ließ, bewahrte
die Form. Gewohnt und gearbeitet hat er in Dresden, seinen
Landsitz Wuischke muss er 1945 endgültig verlassen. Der Sohn in
Afrika gefallen, die Tochter später verstorben, gingen die
vormals nach dem Majoratsgesetz erbberechtigten Nachkommen nur
der männlichen Linie auch leer aus. Selbst Rückgabeansprüche der
vorsprechenden antragstellenden Alteigentümer werden, die
soziale Nutzung des Anwesens in der Verantwortung des
Landratsamtes ist vorrangig, nicht wirksam.
Aber bis zu diesem Zeitpunkt
hatte sich in den alten Mauern noch viel Bemerkenswertes, wie
Frau Ruth Kuntsche, Enkelin des Hermann Gustav Kuntsche, bis zur
Zusammenlegung mit Meschwitz 1937, letztem Bürgermeister von
Wuischke, erzählt anschaulich von Erlebtem, Beobachtetem und in
der Familie im Gedächtnis Bewahrtem, grenzt doch das Grundstück
der Familie unmittelbar an das Gutsgelände. Als Kinder spielten
sie im Park, besonders gern unter der großen, später
abgebrannten, Linde mit der Bank drumherum. Dorffeste füllten
den Park mit beneidenswert zahlreichen jungen Wuischkern.
Der Vater des erst kürzlich
verstorbenen langjährigen Hausmeisters im Kinderheim, Herr
Schlenker, hat mit seiner Familie ebenfalls als Hausmeister im
Gutsgelände gewohnt und den Park gepflegt.
Noch im Frühjahr 1945 ist
Wuischke Schauplatz schmachvoller Ereignisse. 81 russische und
polnische Bürger wurden dem Kriegswahn geopfert, im Wald bei
Neuwuischke vergraben; bis heute durch den Obelisken in der
Erinnerung der Bevölkerung.
In den ersten
Nachkriegsjahren, von Herbst 1945 bis Ende 1947, haben im
Herrenhaus Umsiedler und Aussiedler gelebt. Diese Familien
bewohnten jetzt die herrschaftlichen Räume und benutzten
gemeinsam eine Hauptküche. Manche der Familien sind im Ort
geblieben, viele von ihnen hier gestorben, andere sind in die
Umgebung gezogen oder haben weiter entfernt ein Heim gefunden.
Glücklicherweise zog bald
neues Leben ein. Kinder aus Bautzen kamen ab 1946 in das nun
städtische Kindererholungsheim. Sie erhielten für 6 Wochen in
der „Kinderlandverschickung" was sie brauchten: Suppe, Brot und
Luft. Die Kinder dankten zum Abschied mit liebevoll gestalteten
Programmen. Einmal sogar spielten die Dorfbewohner „Hans im
Glück". Welch unvergleichlicher Glücksumstand!
Die Gebäude waren bis dahin
unverändert geblieben. In den fünfziger Jahren wurde das Kurheim
vom Rat des Kreises, Abteilung Volksbildung, Bereich
Jugendhilfe, übernommen, um die Kinder mehrerer Kinderheime an
einem günstigen Ort zusammenzuführen. Viele Kinder brauchen viel
Raum. Zur Vorbereitung der Erweiterung der Kapazität erfolgten
umfangreiche Baumaßnahmen. Das linke Gebäude wurde aufgestockt.
Auf den alten Mauern des Mittelgebäudes mit der Remise und den
Gesindekammern wurde Neues geschaffen. Auch am Hauptgebäude ist
die Aufstockung und die Giebelgestaltung erkennbar. An der
Stelle des heutigen Bades hatte sich ein Teich befunden. Die
Mühle am Ausfluß nur noch ein Objekt der Phantasie. Nichts aber
soll in Vergessenheit geraten. Ein kleines Ölbild mit der
Darstellung des alten Gutshauses wird verantwortungsvoll
gehütet.
90 bis 100 Kinder wurden
betreut, die Gruppen bestanden aus 20 bis 30 Kindern, 10 bis 15
Kinder teilten sich einen Schlafraum. Im großen Speisesaal
wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen. Die Köchinnen aus
dem Dorf leisteten Beachtliches. In diesem großen Haushalt war
viel zu vollbringen, die Kinder gut zu versorgen und zu
bekleiden, und das Wichtigste – ein Zuhause zu geben. Fußball
wurde gespielt, jedes Kind konnte mit seinen Skiern oder seinem
Schlitten Wintersport treiben oder sich mit seinem Fahrrad
vergnügen. Aufs Ferienlager, so z.B. in Särchen, freuten sich
die Heimkinder wie alle Kinder. Für dringende Fahrten, z.B. zum
Arzt, stand ein PKW zur Verfügung und ein Bus für 9 Kinder.
Unzählige Erinnerungen an viele arbeitsintensive und
erlebnisreiche Jahre als Erzieher bewegen Herrn Joachim Raffelt
im Gespräch darüber. Diese Tätigkeit hat sein Leben geprägt.
Seit September 1993 verkündet
eine Tafel am Portal zum Grundstück, dass sich jetzt hier das
Kinder- und Jugendheim „Haus am Czorneboh" der Kinderarche
Sachsen e.V. befindet. Schwesternheime der „Arche" in der Region
Lausitz sind die in Oberlichtenau und Kamenz. Erneut wurde das
geschichtsträchtige Gebäude umgebaut, rekonstruiert nach
denkmalpflegerischen Gesichtspunkten. 1992 wurde der verbindende
Zwischenbau dafür errichtet. 1996 fertiggestellt, konnte 1997
eingezogen werden. Wohnten vorher 45, danach nur noch 35 junge
Leute darin, ab 2000 nur noch 30. Mehr Wohnqualität für weniger
Bewohner.
Handwerker der Region
übernahmen die Aufträge. Das alte Hauptgebäude wurde entkernt,
feinsprossige Fenster eingefügt, die Farbgebung
rekonstruktionsabhängig dem Original angeglichen. Der Festsaal
mit Gewölbe überrascht und lässt über seine Schönheit staunen.
Nicht nur darauf ist Frau Uta Wolf, pädagogische Leiterin, seit
10 Jahren im Heim tätig, mit Recht stolz und glücklich. Die für
ein familienähnliches Wohnen in Gruppen im September 98
erreichten Veränderungen sind bei ihr wie den ihr Anvertrauten
besonders gewichtig. Von den 32 Plätzen sind gegenwärtig 27
belegt. 13 Erzieherinnen und 1 Erzieher garantieren eine
individuelle Betreuung der 6- bis über 20-Jährigen. Der
selbstgewählten Betreuungsperson kann man sich wie Mutter, Vater
oder Freund anvertrauen. Die Eltern werden in die Erarbeitung
der Jugendhilfepläne einbezogen. Ziel ist, im späteren Leben
bestehen zu können, ihre seelische Behinderung, durch gestörte
Beziehungen zu den Eltern oder als Waise, zu überwinden. Ein
Psychologe und ein Ergotherapeut nehmen durch Gespräche und
Beschäftigungen wohltuenden Einfluss. Im umgebauten Hauptgebäude
sind zwei familienähnliche Gruppen untergebracht, eine Gruppe im
Nebengebäude, das nach den Sanitäranlagen weiter zu
modernisieren ist. Etwa 10 Jungen und Mädchen unterschiedlichen
Alters bilden eine Wohngruppe, die in Zwei- und Dreibettzimmern
schlafen und gemeinsam die eigene Küche, einen Sanitärbereich
mit Waschmaschine und einen Aufenthaltsraum benutzen. Darf man
einen Blick in diese kleinen Welten werfen, bewundert man
perfekte Wohnbedingungen zum Wohlfühlen. Die Bewohner waschen
ihre Wäsche selbst und halten alles tipptopp. Jede Gruppe
versorgt sich selbst. Ihr steht eine Hauswirtschafterin zur
Seite, die das Verpflegungsgeld vom Jugendamt verwahrt.
Seit einem Jahr gibt es das
betreute Innenwohnen. Die Betreffenden haben ein Einzelzimmer,
ihre Küche, erhalten ihr Geld und verpflegen sich selbst.
Große Überraschung bewirkt der
Trainingsraum mit modernen Fitness-Geräten. Schon
selbstverständlich ist der Kulturraum. Mit der Hilfe der
Gemeindeverwaltung konnte das Heim immer rechnen, auch zum
Nutzen für das Dorf, - mittwochs ist die Tür für Sport geöffnet.
Die mächtigen alten Bäume
rauschen weiter – mit dem Sehnen, dem Rufen, dem Greifen junger
Leute nach Leben und Glück.
Für Sie kundig gemacht hat sich Christa Ladusch
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August 2001
Prof. Derlitzki und die Zeit nach
Pommritz
Völlig
überraschend erreichte mich ein Anruf von Frau Derlitzki aus
Hannover. Nicht sofort begriff ich, dass es sich um die mir bis
dahin unbekannte bereits 83-jährige Tochter von Prof. G.
Derlitzki handelt, über dessen Wirken in Pommritz ich in den „Hochkircher
Kulturnachrichten“, Ausgabe 8 vom April 2000, - nachzulesen auch
im Internet unter
www.kulturfoerderverein.de, - schrieb. Sie nun gab mir
entgegenkommend Antwort auf die Fragen, die im genannten Artikel
unbeantwortet geblieben waren.
Erfreut über das Interesse am Wirken ihres Vaters gewährte sie
Einblick in durch sie bewahrte Materialien, getreu ihrer sich
selbst gestellten Aufgabe, dem Lebenswerk ihres Vaters
verpflichtet zu sein, es bekannt zu machen, wobei sie selbst in
seinem Fachgebiet, der Landwirtschaft, tätig war. Das Erfahrene
soll Ihnen nun nicht vorenthalten werden.
Die Frage gilt geklärt zu werden, ob Prof. Derlitzki die
Versuchsanstalt Pommritz hätte weiterführen können. Die
erfahrene Demütigung durch die Suspendierung vom Dienst in
Pommritz am 28. März 1934 hatte ihn, den Antifaschisten und
Demokraten, der stets ein guter und gerechter Chef für die
Arbeiter und Angestellten gewesen war, enttäuscht. Sein
Eintreten für das Wohl des arbeitenden Menschen mit der
Entwicklung der Landarbeitslehre hatte ihn als Mensch und
Forscher besonders geschätzt gemacht. Arbeiter und Angestellte
brachten in einer Aktion, treu zu ihm haltend, mit ihrer
Unterschrift den ehrlichen Wunsch zum Ausdruck, dass er bleiben
möchte, und dass sie seine Ablösung bedauern. Diese
Unterschriftenliste wurde nie weitergegeben. Auch Mitglieder der
NSDAP hatten diese Willensbekundung unterschrieben, mussten ihre
Unterschrift, die geschwärzt wurde, zurücknehmen. Für einen
national und international anerkannten Wissenschaftler, Forscher
und Lehrer glaubte das Dritte Reich keine Verwendung zu haben.
Er hatte aus Überzeugung seinen Eintritt in die NSDAP abgelehnt.
Nun wurde er aus fadenscheinigen Gründen in den Ruhestand
versetzt. Pommritz wurde „gleichgeschaltet“, Derlitzkis
Forschungsergebnisse verstümmelt, alte „bäuerliche Formen“
aktiviert, die Einrichtung umbenannt, eine neue Leitung
eingesetzt.
Trotz dieser Feindseligkeit und des Aus 1934 in Pommritz
überstand er das „Tausendjährige Reich“ glücklicherweise in
praktischer Ausübung der Landwirtschaft auf seinem 35 ha großen
Bauernhof, dem „Luisenhof“ in Kindisch bei Kamenz. Dort hat er
seine Forschungsergebnisse angewandt und in seiner Umgebung
beispielhaft gewirkt, gütig und hilfsbereit, mit aufrechter
Gesinnung und voller Lebensfreude. In Kindisch erlag er aber am
2. Mai 1958, zwei Tage nach Vollendung seines 69. Lebensjahres,
einem Herzschlag. Er hatte für die Erleichterung der Landarbeit
gelebt, hatte alles gesehen und alles registriert, ohne selbst
persönlich in den Arbeitsablauf eingegriffen zu haben. Frau und
Tochter führten die Arbeiten in Kindisch bis 1960 fort. Seine
Frau Dr. Dorothea D. hatte an seiner Seite auf dem Gebiet der
Arbeitslehre im Haushalt untersucht und veröffentlicht. Seine
Tochter Rotraut stellte sich u.a. mit ihrer Schrift
„Erinnerungen an Pommritz“ in den Dienst der Arbeit ihres
Vaters.
Das Leben für die Wissenschaft war für Prof. Derlitzki 1934 aber
noch nicht zu Ende gewesen. 1935 erhielt er wieder
wissenschaftliche Aufträge und wurde mit der Leitung arbeits-
und wärmewirtschaftlicher Versuche betraut. In 34 Orten in
Deutschland und 2 Dörfern Österreichs betreute er Beobachtungen
und Versuche in Klein-, Mittel- und Großbetrieben zur
schnelleren Verbreitung der Elektrizität im ländlichen Raum.
Diese wurden erweitert durch Versuche mit Braun- und Steinkohle
für die Elektrogewinnung durch das Rheinisch-Westfälische
Steinkohlensyndikat. Auf der Weltkraftkonferenz 1938 in Wien
berichtete Prof. Derlitzki über diese Arbeit, die 1942
kriegsbedingt abgebrochen wurde.
1945, in der
neuen antifaschistisch-demokratischen Ordnung, wurde er zunächst
verkannt. Die Befürwortung setzte sich durch, und es existierte
der Gedanke, Pommritz unter der Leitung Prof. Derlitzkis neu
entstehen zu lassen. Die nach 1934 auch baulich vorgenommenen
Veränderungen, die erneute erhebliche Korrekturen notwendig
gemacht hätten, hielten ihn ab. Pommritz, wo das Arbeiten nach
seinen Methoden volkstümlich schon „Pommritzen“ genannt worden
war, wurde nicht wieder seiner Aufgabe zugeführt. Es wurde mit
dem Namen „Volksgut Gerhart Eisler“ ein volkseigener Betrieb.
Prof. Derlitzki schlug vor, die Versuchsanstalt unter der
Leitung eines jüngeren Akademikers in die Nähe Leipzigs zu
verlegen. Die Gründung der „Forschungsstelle für Landarbeit
Gundorf“ („vormals Pommritz“) erfolgte. Das Archiv mit Foto- und
Filmmaterial von Pommritz übernahm Gundorf. Er selbst lehnte die
Leitung des neuen Institutes ab, blieb aber nicht untätig. Ab
1948 leistete er eine beratende Tätigkeit beim Ausbau der
arbeitswissenschaftlichen Forschung in Halle-Etzdorf, übernahm
1950 den ersten Lehrstuhl für Landarbeitslehre an der
Universität Halle, an die er 1952 als Professor mit vollem
Lehrauftrag für Landarbeitslehre berufen wurde. 1955 wurde er in
den Ruhestand versetzt.
Und er wird
weiter nie geneigt gewesen sein, gegen seine Überzeugungen zu
handeln.
Christa Ladusch
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Der Weg eines sorbischen
Kulturdenkmals
Fahne der Jugend von Waditz
und Steindörfel
Am 09. Februar 2000 wurden
durch Frau Trudla Malinkowa sorbische Kulturdenkmäler in
Hochkirch erfasst, u.a. die Jugendfahne von Waditz und
Steindörfel. Eigentümer ist die Ev. – Luth. Kirchgemeinde
Hochkirch.
Laut Inschrift erinnert die Fahne an den 29.September 1879,
es war der Michaelistag.
In Hochkirch fand das Jahresfest des Gustav-Adolf- Vereins Löbau
statt.
(Benannt nach Gustav Adolf, König von Schweden, der besonders
dem in Bedrängnis geratenen Protestantismus zu seinem Recht
verhelfen wollte. Er griff in den 30-jährigen Krieg ein und fiel
am 06. November 1632 in der Schlacht bei Lützen.)
Über das Fest schrieb die Serbske Nowiny am 04.Oktober 1879,
dass festliche neue Kleider, Kränze, Girlanden, teilweise neue
Fahnen und Blumenanker besorgt wurden. Die Jugendfahne von
Waditz und Steindörfel gehört zu diesen neuen Fahnen, die aus
Anlass dieses Festes angeschafft wurden. Am Festtag wurde die
Fahne im Festumzug mitgetragen. Hierzu schreibt die Serbske
Nowiny: „ Am Vormittag versammelte sich die erwachsene
Jugend und die Schuljugend in ihren Dörfern und zog nach dem
Mittag von allen Seiten nach Hochkirch, wo sich dann in der
zweiten Stunde ein großer Festumzug formierte. Er bot in der
Kleidung der Jugend und mit ihren wehenden schmucken Fahnen und
Ankern wahrlich ein herrliches und liebliches Bild“.
Diese Fahnen wurden 1997,
zur 775-Jahrfeier der ersten urkundlichen Erwähnung von
Hochkirch, beim Festgottesdienst in die festliche Gestaltung der
Kirche einbezogen.
Heute, 10 Jahre später, könnte die Jugendfahne von Waditz und
Steindörfel nicht mehr gezeigt werden. Sie befand sich in einem
äußerst desolaten Zustand. Eine Restaurierung schien kaum noch
möglich, da das Seidentuch zerschlissen war. Die Stickerei
befindet sich aber in einem sehr guten Zustand. Die Inschrift
lautet:
K dopomnjecu
Zur Erinnerung
na 29 septembra
1879. an den 29 September 1879.
mlodosc z Wadec a
Trjebjenc die Jugend von Steindörfel und Waditz
Die
Jugendfahnen wurden hauptsächlich zu festlichen kirchlichen
Anlässen getragen.
Verstorbene Jugendliche wurden von der Jugend ihres Dorfes mit
der Fahne, versehen mit einem Trauerflor, zu Grabe getragen.
Leider sind uns die Namen der Stickerinnen und des/r Urhebers/in
nicht bekannt. Anhand des Umfangs der Stickerei können wir aber
nachvollziehen, dass unzählige Stunden für die Stickarbeit
aufgewendet werden mussten.
Die Domowina Gruppe erhielt Kenntnis von diesem, für uns Sorben
im Raum Hochkirch, sehr wertvollen Kulturdenkmal. Sie setzte
sich zum Ziel, ein Duplikat von der Fahne anfertigen zu lassen.
Da die finanziellen Mittel knapp sind, wurde zum Herbstkonzert,
am 12. November 2006, erstmals eine Sammlung durchgeführt.
Inzwischen ist ein Drittel der erforderlichen Mittel durch
Spenden vorhanden. Dafür herzlichen Dank!
Durch Befürwortung der sorbischen Wissenschaftsvereinigung „Macica
serbska“ konnte ein Antrag an die Stiftung für das sorbische
Volk gestellt werden. Sie übernimmt 2/3 der Kosten.
Am 08.08.2007 konnte der Auftrag bei der 1870 gegründeten
Eibenstocker Stickereifirma Diersch & Schmidt ausgelöst werden.
Wir haben uns von der Qualität der Arbeiten an Ort und Stelle
überzeugt und erhielten einen Einblick vom Aufwand für die
Herstellung einer solchen Fahne.
Am 15. September soll das Duplikat der Fahne erstmals zum
Hoffest in Wuischke, beim Treffen der sorbischen evangelischen
Familien, der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
In Hochkirch am 22. September um 17.00 Uhr aus Anlass des
Chorkonzertes des Sorbischen National – Ensembles in der
Kirche, zum Herbstkonzert und zu weiteren Anlässen.
Wir
sind sehr froh darüber, dass durch die zahlreichen Spenden der
deutschen und sorbischen Bevölkerung sowie durch die Förderung
der Stiftung für das sorbische Volk ein so wertvolles sorbisches
Kulturdenkmal erhalten werden konnte.
Nur
die Kenntnis der Geschichte kann den Stolz auf unsere Heimat
wecken. Deshalb ist es so wichtig, Kulturdenkmäler zu erhalten.
Helga Tejpelowa - Töpel
Quellennachweis:
Trudla
Malinkowa : Hochkirch, Kirche 006, Jugendfahne Waditz und
Steindörfel
SERBSKE
NOWINY (04.10.1879 ) 40 S. 350
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